Original
1.
Owê, -
Sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
Der trouc diu ougen mîn.
Ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn.
Dô tagte ez.
2.
"Owê, -
Sol aber er iemer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
>Owê, nu ist ez tac,<
als er mit klage pflac,
dô er jungest bî mir lac.
Dô tagte ez."
3.
Owê, -
Si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
Dô vielen hin ze tal
ir trehene nider sich.
Iedoch getrôste ich sie,
daz sî ir weinen lie
und mich al umbevie.
Dô tagte ez.
4.
"Owê, -
Daz er sô dicke sich
bî mir ersehen hât!
Als er endahte mich,
sô wolt er sunder wât
Mîn arme schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz,
daz in des nie verdrôz.
Dô tagte ez."
Übersetzung auf Hochdeutsch
1.
Ach,
wird mir denn je wieder
durch die Nacht ihr
wundervoller Leib leuchten,
strahlender noch als Schnee?
Der täuschte meine Augen:
Ich glaubte, es wäre der Glanz
des hellen Mondes -
Da brach der Tag an.
2.
"Ach,
wird er je wieder den
Morgen über hier bleiben?
Möge uns doch die Nacht einmal
so vergehen, daß wir nicht zu klagen
brauchen: >O weh, jetzt ist es Tag.<
So rief er klagend,
als er zuletzt bei mir war.-
Da brach der Tag an."
3.
Ach,
unzählige Male küßte sie
mich im Schlafe
Da rannen ihre
Tränen nieder.
Ich aber tröstete sie,
so daß sie aufhörte zu weinen
und mich ganz umfing -
da brach der Tag an.
4.
"Ach,
daß er sich so oft
in meinem Anblick verloren hat!
Als er die Decke zurückschlug,
da wollte er meine nackten
Arme sehn, ganz nackt.
Es war unerklärlich, daß er
sich daran nicht satt sehen konnte -
da brach der Tag an."
Tagelied
Er
O weh, soll mir nicht wieder je
Hell leuchten in der Nacht
So weiß wie frischer Schnee
Ihr Leib in lichter Pracht!
Der trog die Augen mein:
Ich wähnt, es sollte sein
Des lichten Mondes Schein,
Da tagt' es.
O weh, sie küsste sonder Zahl
Im Schlaf mich inniglich.
Da fielen hin zu Tal
Die Tränen über mich.
Ich tröstete sie lang:
Sie tat den Augen Zwang,
Mich in die Arme schlang:
Da tagt' es.
Sie
O weh, daß ich ihn nimmer seh
Verweilen all den Morgen,
Wenn uns die Nacht vergeh,
Daß wir nicht dürfen sorgen.
O weh, der Tag ist da!
Wie ging es ihm so nah,
Als er den Tag ersah:
Da tagt' es.
O weh, daß er so oft sich stahl
Zu mir beim Abendgraun;
So wollt er allemal
Meine bloßen Arme schaun.
Und fand die Bitte Statt,
So sah er nie sich satt,
Daß nichts gewundert hat.
Da tagt' es.
Nachgedichtet von Karl Simrock (1802-1876)
O weh!
Wenn nimmermehr ich seh'
Hell leuchten durch die Nacht
Noch weißer als der Schnee
Des Leibes holde Pracht!
Der täuschte mein Gesicht,
Als wenn das Mondenlicht -
War mir's - aus Wolken bricht.
Da kam der Tag.
'O weh!
Soll nicht hinfort er je
Den Tag hier dämmern seh'n
Und ohne Herzensweh
Die Nacht uns hier vergeh'n?
"O weh, der Morgen graut!"
So seufzt' und klagt' er laut,
Als jüngst wir uns geschaut.
Da kam der Tag.'
O weh!
Sie küsste mich so viel,
Als mich der Schlaf ergetzt,
Und manche Träne fiel
Und weckte mich zuletzt.
Ich sprach ihr Trost in's Herz,
Bis sie vergaß den Schmerz
Und mich umschlang mit Scherz.
Da kam der Tag.
'O weh!
Wie sah er gar so oft
Mich innig an und warm;
Dann wollt' er unverhofft
Beschau'n den bloßen Arm;
Und ließ ich das gescheh'n:
Nie konnt' er satt sich seh'n.
Wie soll ich das versteh'n?
Da kam der Tag.'
Nachgedichtet von Wilhelm Storck (1829-1905)
O weh, soll aber mir nimmer je
Still leuchten durch die nacht
Noch weisser denn ein schnee
Ihr leib so wohl gemacht?
Der trog die augen mein,
Ich wähnte, es sollte sein
Des lichten mondes schein,
Da tagte der tag.
"O weh, soll aber ihm nimmer je
Der morgen so hier scheinen,
Dass uns die nacht vergeh,
Und wir nicht brauchen weinen?
O weh, nun ist es tag,
So seufzte seine klag,
Als er jüngsten bei mir lag,
Da tagte der tag."
O weh, sie küsste ohne zahl
In meinem schlafe mich,
Da gossen hin zu tal
Ihre tränen nieder sich.
Ich sagt ihr tröstlich ding,
Dass sie vom weinen ging
Und mich allumbefing,
Da tagte der tag.
"O weh, dass er so inniglich
In mich versunken war!
Als er aufdeckte mich,
So wollt er hüllen bar
Meine arme schauen bloss,
Es war ein wunder gross,
Dass ihn das nie verdross,
Da tagte der tag."
Nachgedichtet von Friedrich Wolters (1876-1930)
Gedichte