Ich möchte hingehn wie das Abendrot

Und wie der Tag mit seinen letzten Gluten -

O leichter, sanfter, ungefühlter Tod -

Mich in den Schoß des Ewigen verbluten!

 

Ich möchte hingehn wie der heitre Stern

Im vollsten Glanz, in ungeschwächtem Blinken,

So still und schmerzlos möchte gern

Ich in des Himmels blaue Tiefe sinken!

 

Ich möchte hingehn wie der Blume Duft,

Die freudig sich dem schönen Kelch entringet,

Und auf dem Fittig blütenschwangrer Luft

Als Weihrauch auf des Herrn Altar sich schwinget.

 

Ich möchte hingehn wie der Tau im Tal,

Wenn durstig ihm des Morgens Feuer winken -

O, wollte Gott, wie ihn der Sonnenstrahl,

Auch meine lebensmüde Seele trinken!

 

Ich möchte hingehn wie der bange Ton,

Der aus den Saiten einer Harfe dringet,

Und, kaum dem irdischen Metall entflohn,

Ein Wohllaut in des Schöpfers Brust verklinget.

 

Du wirst nicht hingehn wie das Abendrot,

Du wirst nicht hingehn wie der Stern versinken,

Du stirbst nicht einer Blume leichten Tod,

Kein Morgenstrahl wird deine Seele trinken!

 

Wohl wirst du hingehn, hingehn ohne Spur,

Doch wird das Elend deine Kraft erst schwächen,

Sanft stirbt es einzig sich in der Natur,

Das arme Menschenherz muß stückweis brechen!

Alternativer Titel: Strophen aus der Fremde


Das Gedicht "Ich möchte hingehn wie das Abendrot" stammt von   (1817 - 1875).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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