Die Lieb ist blind /

und gleichwohl kan sie sehen /

hat ein Gesicht /

und ist doch stahrenblind /

sie nennt sich groß /

und ist ein kleines Kind /

ist wohl zu Fuß /

und kan dannoch nicht gehen.

Doch diss muß man auff ander′ art verstehen:

sie kan nicht sehn /

weil ihr Verstand zerrint /

und weil das Aug des Herzens ihr verschwindt /

so siht sie selbst nicht /

was ihr ist geschehen.

Das /

was sie liebt /

hat keinen Mangel nicht /

wie wohl ihm mehr /

als andern /

offt gebricht.

Das /

was sie liebt /

kan ohn Gebrechen leben;

doch weil man hier ohn Fehler nichtes find /

so schließ ich fort: Die Lieb ist sehend blind:

sie siht selbst nicht /

und kans Gesichte geben.


Der Text des Gedichts "Die Lieb ist blind" stammt von (* 1621-02-14, † 1638-07-31).




Weitere gute Gedichte von Sibylla Schwarz zum Lesen.



Zur Startseite dieser Gedichtesammlung