Ja, die Großstadt macht klein.

Ich sehe mit erstickter Sehnsucht

durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;

und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen

seines Kiefern- und Eichen-Forstes

wie ein Zaubermeister ausnimmt,

ist zwischen diesen prahlenden Mauern

nur ein verbauertes altes Männchen.

O laßt euch rühren, ihr Tausende!

Einst sah ich euch in sternklarer Wintemacht

zwischen den trüben Reihen der Gaslatemen

wie einen ungeheuren Heerwurm

den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;

dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal

und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen

von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.

Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:

sie wurzeln fest und lassen sich züchten,

und jeder bäumt sich anders zum Licht.

Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,

euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,

ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern -

so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!

vorwärts! rückt aus! -


Das Gedicht "Predigt ans Großstadtvolk" stammt von   (1863 - 1920).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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