Ihr wurdet zusammen geboren,

und ihr werdet auf immer zusammen sein.

Ihr werdet zusammen sein,

wenn die weissen Flügel des Todes eure Tage scheiden.

Ja, ihr werdet selbst im stummen Gedenken Gottes zusammen sein.

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Himmels zwischen euch tanzen.

Liebt einander, aber macht die Liebe nicht zur Fessel:

Lasst sie eher ein wogendes Meer zwischen den Ufern eurer Seelen sein.

Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.

Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.

Singt und tanzt zusammen und seid fröhlich, aber lasst jeden von euch allein sein,

So wie die Saiten einer Laute allein sind und doch von derselben Musik erzittern.

Gebt eure Herzen, aber nicht in des anderern Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

 

Anmerkung:

 

Khalil Gibrans poetischer Ratschlag zur Ehe bringt das Gleichgewicht zwischen Nähe und Individualität wunderschön zum Ausdruck und ermutigt Paare, ihre eigene Identität zu bewahren und gleichzeitig eine tiefe Verbindung zueinander zu pflegen. Seine Philosophie fördert eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt, Freiraum und gemeinsamen Erfahrungen basiert, die bereichernd sind, ohne das Wachstum jedes Einzelnen zu beeinträchtigen.

 

Die Ehe ist eine ewige Vereinigung von Seelen in Liebe, aber in dieser Zweisamkeit muss es Freiräume geben: Raum, in dem die beiden Seelen atmen können. In der Ehe ist Liebe keine Knechtschaft. Es ist eine gemeinsame Zweisamkeit, in der die Herzen frei gegeben, aber nicht besessen werden. Es ist ein Nebeneinanderstehen, wie die tragenden Säulen eines Tempels. „Die Eiche und die Zypresse“, sagt der Sprecher, können nicht im Schatten des anderen wachsen.


Der Text des Gedichts "Von der Ehe" stammt von (* 1883-01-06, † 1931-04-10).




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