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Der Rechte


Auf Kynast hauste klug

Junggräfin Kunigunde;

Es war ein scharfer Zug

An ihrem schönen Munde.

 

Sie ließ verkünden weit

Im blütenweißen Maien:

"Gern wär' ich wohl gefreit,

Doch muß ein Held mich freien!

 

Muß furchtlos hoch zu Roß

Auf schmaler Mauerzinne

Umreiten dies mein Schloß -

Dann wird ihm meine Minne!"

 

Wohl mancher Recke kam,

Den Dank sich zu erwerben -

Doch jeden Kecken nahm

Der Abgrund ins Verderben.

 

Dem Fräulein war's nicht leid

Um all die schlimm Genarrten;

Sie sprach: "Ich habe Zeit,

Den Rechten abzuwarten!"

 

Da kam im Morgenlicht

Ein Junker angeritten,

Der wenig schien erpicht

Auf heiße Minnesitten.

 

Gleichmütig sah er drein

Nach Art der gröbsten Knappen,

Ritt nicht voll Ehrfurcht ein,

Hielt draußen auf dem Rappen,

 

Und rief zum Burgwart auf:

"Hab allerlei vernommen

Von einem Ritterhauf,

Der hie zum Wettkampf kommen,

 

Zu einem Reiterstück,

Das leicht den Hals kann kosten -

Gern wagt' auch ich mein Glück,

Wie sonst bei einem Tjosten!

 

Doch hört' ich noch nicht klar,

Um welchen Preis man streitet -

So sagt mir kurz und wahr,

Was man bei euch erreitet?"

 

Der Wärtel gab Bescheid;

Da rief der Fant verdrossen:

"Verdammt! so ist mir leid,

Daß ich um Narrenspossen

 

So weit geritten her!

Ein Weib? Ich wag die Knochen

Für alle Mannesehr',

Doch nicht für Zuckerwochen!

 

Die kann ich leichter han

Bei manchem guten Kinde -

Ade, Herr Kastellan,

Ich reit' in alle Winde!"

 

Und gab, noch als er sprach,

Dem Rappen jäh die Sporen -

Die Herrin sah ihm nach,

In dunklen Gram verloren:

 

Dieweil es sie durchfuhr,

Daß von den Freiern allen

Ihr just der eine nur

Ausnehmend wohlgefallen.



(* 04.12.1866, † 29.03.1928)




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