Das Zigarrenlied


Ein Couplet

 

Der Mensch ist wie eine Zigarre,

Gewickelt als Wickelkind,

Sortiert und gepreßt mit viel andern

In ein Titelkistchen geschwind!

Und ist er dann trocken unfraglich

Und gelagert die übliche Frist:

Dann kauft und verpafft ihn behaglich

Ein beliebiger Kapitalist.

 

Der Mensch ist wie eine Zigarre,

Das Deckblatt entscheidet den Wert:

Ist′s glatt, elegant, appetitlich,

So wird er geliebt und geehrt;

Exemplare mit fehlfarbner Hülle

Bieten oft zwar besondern Genuß -

Doch sind sie für Kenner, für stille,

Und ,pour la noblesse′ sind sie "Schuß".

 

Der Mensch ist wie eine Zigarre,

Befriedigt nicht jeden egal:

Man findet zu stark und zu scharf ihn,

Man schilt ihn zu leicht und zu schal!

Am beliebtesten ist noch die Mischung

Von Tabaken drei, vier oder sechs -

Doch der Kenner, der holt sich Erfrischung

Bei dem einfach reinen Gewächs.

 

Der Mensch ist wie eine Zigarre,

Er lebt nur, solang er noch glüht,

Solange verlangend tiefinnen

Die Sehnsucht noch zündet und sprüht!

Und muß es ihn zärtlich verzehren,

Dies Glühen so prächtig und rot -

Auf allen Lebensaltären

Loht feuriger, freudiger Tod!

 

Der Mensch ist wie eine Zigarre,

Kommt manchmal nur mühsam in Zug,

Oft, weil er zu schief ist gewickelt,

Und oft, weil nicht locker genug!

Doch brennt er nun schwach oder feste,

Verknistert er fruh oder spat:

Blauer Dunst ist am Menschen das Beste,

Und Asche das Resultat.



(* 1866-12-04, † 1928-03-29)



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