Unangeklopft ein Herr tritt abends bei mir ein:

"Ich habe die Ehr, Ihr Rezensent zu sein."

Sofort nimmt er das Licht in die Hand,

Besieht lang meinen Schatten an der Wand,

Rueckt nah und fern: "Nun, lieber junger Mann,

Sehn Sie doch gefaelligst mal Ihre Nas so von der Seite an!

Sie geben zu, dass das ein Auswuchs is."

- Das? Alle Wetter - gewiss!

Ei Hasen! ich dachte nicht,

All mein Lebtage nicht,

Dass ich so eine Weltsnase fuehrt’ im Gesicht!!

 

Der Mann sprach noch verschiednes hin und her,

Ich weiss, auf meine Ehre, nicht mehr;

Meinte vielleicht, ich sollt ihm beichten.

Zuletzt stand er auf; ich tat ihm leuchten.

Wie wir nun an der Treppe sind,

Da geh ich ihm, ganz froh gesinnt,

Einen kleinen Tritt,

Nur so von hinten aufs Gesaesse, mit -

Alle Hagel! ward das ein Gerumpel,

Ein Gepurzel, ein Gehumpel!

Dergleichen hab ich nie geschn,

All mein Lebtage nicht gesehn

Einen Menschen so rasch die Trepp hinabgehn!


Der Text des Gedichts "Abschied" stammt von (* 1804-09-08, † 1875-06-04).




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