Es sprach der Geist: Sieh auf! Es war im Traume.

Ich hob den Blick. In lichtem Wolkenraume

Sah ich den Herrn das Brot den zwölfen brechen

Und ahnungsvolle Liebesworte sprechen.

Weit über ihre Häupter lud die Erde

Er ein mit allumarmender Gebärde.

 

Es sprach der Geist: Sieh auf! Ein Linnen schweben

Sah ich und vielen schon das Mahl gegeben,

Da breiteten sich unter tausend Händen

Die Tische, doch verdämmerten die Enden

In grauen Nebel, drin auf bleichen Stufen

Kummergestalten sassen ungerufen.

 

Es sprach der Geist: Sieh auf! Die Luft umblaute

Ein unermesslich Mahl, soweit ich schaute,

Da sprangen reich die Brunnen auf des Lebens,

Da streckte keine Schale sich vergebens,

Da lag das ganze Volk auf vollen Garben,

Kein Platz war leer, und keiner durfte darben.


Das Gedicht "Alle" stammt von   (1825 - 1898).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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