Brief und Wink verhießen mir

schon um zwei die liebste Schöne;

doch der Zeiger ging auf vier,

und mir fehlte noch Climene.

 

So Geduld als Zeit verstrich,

und ich schwur, den Trug zu rächen;

endlich aber wies sie sich,

endlich hielt sie ihr Versprechen.

 

"Wie so schön", sagt′ ich aus Hohn,

"hast du alles wahrgenommen!

Nur zwei Stunden wart′ ich schon;

konntest du nicht später kommen?"

 

Da mein Eifer Raum gewann,

wollt′ ich sie noch schärfer lehren;

doch: "was lärmst du", hub sie an,

"wird man mich denn auch nicht hören?

 

Ach! Was hab ich itzt vor Schmerz

von der Rosenknosp′ erlitten,

die mir rechts bis an das Herz

von der Brust hinabgeglitten!

 

O wie drückt′s mich! Himmel, wie!

Hier, hier in der linken Seite!

Sieh nur selbst, mir glaubst du nie;

doch was glaubt ihr klugen Leute!"

 

Sie entblößte Hals und Brust,

mir der Knospe Druck zu zeigen:

Plötzlich hieß der Thron der Lust

mich und die Verweise schweigen.


Das Gedicht "Zorn eines Verliebten" stammt von (* 1708-04-23, † 1754-10-28).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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