Die Muse schweigt; mit jungfräulichen Wangen,

Erröten im verschämten Angesicht,

Tritt sie vor dich, ihr Urteil zu empfangen;

Sie achtet es, doch fürchtet sie es nicht.

Des Guten Beifall wünscht sie zu erlangen,

Den Wahrheit rührt, den Flimmer nicht besticht;

Nur wem ein Herz, empfänglich für das Schöne,

Im Busen schlägt, ist wert, dass er sie kröne.

 

Nicht länger wollen diese Lieder leben,

Als bis ihr Klang ein fühlend Herz erfreut,

Mit schönern Phantasien es umgeben,

In höheren Gefühlen es geweiht;

Zur fernen Nachwelt wollen sie nicht schweben,

Sie tönten, sie verhallen in der Zeit.

Des Augenblickes Lust hat sie geboren,

Sie fliehen fort im leichten Tanz der Horen.

 

Der Lenz erwacht, auf den erwärmten Triften

Schießt frohes Leben jugendlich hervor,

Die Staude würzt die Luft mit Nektardüften,

Den Himmel füllt ein muntrer Sängerchor,

Und Jung und Alt ergeht sich in den Lüften,

Und freuet sich und schwelgt mit Aug′ und Ohr.

Der Lenz entflieht! Die Blume schießt in Samen,

Und keine bleibt von allen, welche kamen.


Das Gedicht "Sängers Abschied" stammt von   (1759 - 1805).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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