Ich stand auf Berges Halde,
als heim die Sonne ging,
und sah, wie überm Walde
des Abends Goldnetz hing.

Des Himmels Wolken tauten
der Erde Frieden zu;
bei Abendglockenlauten
ging die Natur zur Ruh.

Ich sprach: „O Herz, empfinde
der Schöpfung Stille nun,
und schick mit jedem Kinde
der Flur dich auch zu ruhn!“

Die Blumen alle schließen
die Augen allgemach.
und alle Wellen fließen
besänftiget im Bach.

Nun hat der müde Sylphe
sich unters Blatt gesetzt,
und die Libell' im Schilfe
entschlummert taubenetzt.

Es ward dem goldnen Käfer
zur Wieg' ein Rosenblatt;
die Herde mit dem Schäfer
sucht ihre Lagerstatt.

Die Lerche sucht aus Lüften
ihr feuchtes Nest im Klee
und in des Waldes Schlüften
ihr Lager Hirsch und Reh.

Wer sein ein Hüttchen nennet,
ruht nun darin sich aus,
und wen die Fremde trennet,
den trägt ein Traum nach Haus.

Mich fasset ein Verlangen,
daß ich zu dieser Frist
hinauf nicht kann gelangen,
wo meine Heimat ist.


Das Gedicht "Abendlied" stammt von   (1788 - 1866).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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