So häng ich denn auf krummem Aste

Hoch über Meer und Hügelchen:

Ein Vogel lud mich her zu Gaste -

Ich flog ihm nach und rast′ und raste

Und schlage mit den Flügelchen.

 

Das weisse Meer ist eingeschlafen,

Es schläft mir jedes weh und Ach.

Vergessen Furcht und Lob und Strafen:

Jetzt flieg ich jedem Vogel nach.

 

Nur Schritt für Schritt - das ist kein Leben!

Stets Bein vor Bein macht müd und schwer!

Ich laß mich von den Winden heben,

Ich liebe es, mit Flügeln schweben

Und hinter jedem Vogel her.

 

Vernunft? - das ist ein bös Geschäfte:

Vernunft und Zunge stolpern viel!

Das Fliegen gab mir neue Kräfte

Und lehrt′ mich schönere Geschäfte,

Gesang und Scherz und Liederspiel.

 

Einsam zu denken - das ist weise.

Einsam zu singen - das ist dumm!

 

So horcht mir denn auf meine Weise

Und setzt euch still um mich im Kreise,

Ihr schönen Vogelchen, herum!


Das Gedicht "Prinz Vogelfreri" stammt von (* 1844-10-15, † 1900-08-25).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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