Ich weiß den Tag, ich weiß die Stunde

Da meine Seele sich zuerst gestanden,

Sie trage deines Zaubers Joch,

Sie liege willenlos in deinen Banden.

 

Du ruhtest still im Moose, weißt du noch?

Am Waldsaum war′s, schwül sank der Abend nieder,

Du schliefest, oder schlossest doch

Im wachen Traum die müden Augenlider!

 

Ich aber, zitternd über dich gebückt,

Ich sah dich an in selig scheuen Zügen,

Von Schmerz zugleich und Lust durchzückt

Bis plötzlich du die Augen aufgeschlagen!

 

Dein Blick berührt′ mich, so berührt ein Blitz,

Und klar war alles! Was in dunklem Triebe

Mein Herz ersehnt′, war dein Besitz,

Und was zu mir dich zog, war deine Liebe!

 

Ich weiß den Abend, weiß die Stunde noch!

Heiß war der Tag, Gewitter in den Lüften,

Und nachtendes Gewölke kroch

Empor schon feindlich aus der Berge Klüften!

 

Wir kehrten heim; denn finstrer stets ringsum

Begann der Himmel drohend sich zu schwärzen,

Wir aber trugen selig stumm

Des Glückes vollen Sonnenschein im Herzen!


Das Gedicht "Gewitterabend" stammt von   (1806 - 1871).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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