Ein Klosterhof, ein Lenzestag!

Ein schwarzer Lindenschatten,

Wo der gekrönte Habsburg lag

Erstochen auf den Matten.

 

Frau Agnes, die gestrenge Frau

Des Vaters Blut zu rächen

Rief mordend aus: "Ich bad in Tau!"

Und schritt in roten Bächen.

 

Sie freute sich, in warmes Blut

Die Knöchel einzutauchen,

Sie warf in stille Dörfer Glut,

Sie liess die Burgen rauchen.

 

Nachdem Gericht gehalten war,

Vollbracht die Totenfeier,

Verbarg sie das Medusenhaar

Mit einem Nonnenschleier.

 

Sie schuf ein Kloster, wo hervor

Aus Grüften Geister schweben,

Sie füllt mit Blumen an den Chor,

Mit lauter jungem Leben:

 

Sie raubt das krause Blondgelock

Manch einem Edelkinde,

Beschert ihm einen schwarzen Rock

Und eine blanke Binde.

 

Sie geisselt sich den weissen Leib,

Bis rote Tupfen rinnen.

Sie will, das unbarmherzge Weib,

Den zarten Heiland minnen.

 

Dort sitzt sie unter Lindennacht

Am kühlen Klosterbronnen,

Sie hat die Bibel mitgebracht

Zur Andacht ihrer Nonnen.

 

Am Gatter lauschen Kinder scheu

Mit frisch gepflückten Veilchen,

Ein Weiblein hinkt mit Holz vorbei,

Bückt tief sich vor der Heilgen.

 

Dem jüngsten Nönnchen gibt das Buch

Sie jetzt, der lieblich Bleichen:

"Wir blieben bei Sankt Pauli Spruch.

Sieh her! Da steckt das Zeichen!"

 

Die Zarte, die das Buch empfing,

Beschaut Sankt Paulum denkend.

Sie liest. Ihr lauscht der Schwestern Ring,

Die Wimper züchtig senkend -

 

"Was frommte mir die Fastenzeit,

Was frommten Geisselhiebe,

Was frommt es, trüg ich hären Kleid

Und mangelte der Liebe?"

 

Da schwellt ein Seufzer manche Brust

Im Nonnenrock erbaulich,

Und manche kecke Lebenslust

Blickt traurig und beschaulich ...


Das Gedicht "Frau Agnes und ihre Nonnen" stammt von   (1825 - 1898).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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