Wir können nie, was um uns lebt und webt,
erstaunt und tief genug betrachten;
denn unser Sinn, zur Flachheit neigend, strebt
zu sehr danach, die Dinge zu missachten.

Indes der Mensch nach Unerhörtem hascht,
erstirbt der feine Sinn ihm für das Kleine;
und was ihn nicht als Wunder überrascht:
das dünkt ihm das Natürliche, Gemeine.

Und doch ist Wunder diese ganze Welt!
Und nichts in ihr ist einfach und gewöhnlich:
Denn wir vergessen stets -sie steht und fällt
mit dir, mit mir: sie ist durchaus persönlich.

Wie sieht die Welt aus, die für sich allein
besteht? Wer kann ihr Wesen mir erklären?
Ist sie gebannt nicht an Lebend'ger Sein,
und war' sie wertlos nicht, wenn sie nicht wären?

Sie sieht nicht aus - drum eben, weil sie ist.
sie ist nicht mehr, wenn sie im Aug' sich spiegelt:
Kein schauend Aug' ihr Wesen je ermisst -
ja selbst der Gottheit blieb' ihr Kern versiegelt,

es sei denn, dass er selbst die Gottheit sei,
die sich, geschaut , als Welt vor uns entfaltet;
die ewig gleich an sich - doch ewig neu
für uns - ohn' Anfang und ohn' Ende waltet.

Wohl löst sich dieses letzte Rätsel nie.
Doch tiefe Weisheit sprachst du, großer Meister,
dass "Wirklichkeit im Großen" Poesie,
und Prosa nur das Weltbild enger Geister.


Das Gedicht "Wir können nie…" stammt von   (1871 - 1914).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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