Schön ist′s, von des Thränenberges Höhen

Gott auf seiner Erde wandeln sehen,

Wo sein Odem die Geschöpfe küßt.

Auen sehen, drauf Natur, die treue,

Eingekleidet in des Himmels Bläue,

Schreitet, und wo Milch und Honig fließt!

 

Schön ist′s in des Thränenberges Lüften

Bäume sehn, in silberweißen Düften,

Die der Käfer wonnesummend trinkt;

Und die Straße sehn im weiten Lande,

Menschenwimmelnd, wie vom Silbersande

Sie, der Milchstraß′ gleich am Himmel, blinkt.

 

Und den Neckar blau vorüberziehend,

In dem Gold der Abendsonne glühend,

Ist dem Späherblicke Himmelslust;

Und den Wein, des siechen Wandrers Leben,

Wachsen sehn an mütterlichen Reben,

Ist Entzücken für des Dichters Brust.

 

Aber, armer Mann, du bist gefangen;

Kannst du trunken an der Schönheit hängen?

Nichts auf dieser schönen Welt ist dein!

Alles, alles ist in tiefer Trauer

Auf der weiten Erde; denn die Mauer

Meiner Veste schließt mich Armen ein!

 

Doch herab von meinem Thränenberge

Seh′ ich dort den Moderplatz der Särge;

Hinter einer Kirche streckt er sich

Grüner als die andern Plätze alle: -

Ach! Herab von meinem hohen Walle

Seh′ ich keinen schönern Platz für mich!


Das Gedicht "Die Aussicht" stammt von   (1739 - 1791).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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