Bischof, ich kann fliegen
Sagte der Schneider zum Bischof.
Paß auf, wie ich’s mach!
Und der stieg mit so ’nen Dingen
Die aussahn wie Schwingen
Auf das große, große Kirchendach.
       Der Bischof ging weiter.
       Das sind lauter so Lügen
       Der Mensch ist kein Vogel
       Es wird nie ein Mensch fliegen
       Sagte der Bischof vom Schneider.

Der Schneider ist verschieden
Sagten die Leute dem Bischof.
Es war eine Hatz.
Seine Flügel sind zerspellet
Und er liegt zerschellet
Auf dem harten, harten Kirchenplatz.
       Die Glocken sollen läuten
       Es waren nichts als Lügen
       Der Mensch ist kein Vogel
       Es wird nie ein Mensch fliegen
       Sagte der Bischof den Leuten.


Das Gedicht "Der Schneider von Ulm" stammt von   (1898 - 1956).


Anmerkung

Alternativer Titel: Ulm 1592

Hintergrund

Albrecht Ludwig Berblinger (1770 - 1829) war ein deutscher Schneider, Erfinder und Flugpionier. Mit 21 Jahren erhielt er seinen Meisterbrief und zeigte sich im Beruf erfolgreich. In seiner Freizeit ging er seinem Erfinderdrang nach und entwickelte unter anderem eine Beinprothese. Friedrich I. erfuhr von der Tätigkeit seines Untertanen und wünschte die Vorführung eines Flugversuchs.
Dieser startete 1811 von einer Mauer 13 Meter über der Donau, doch Berblinger stürzte wegen fehlender Thermik mit seinem Hängegleiter in den Fluss.
Der Absturz mit seinem Flugapparat war auch mit einem sozialen Absturz verbunden. Man bezeichnete ihn nun als Lügner und Betrüger, was zur Folge hatte, dass auch die Kunden seiner Schneiderwerkstatt ausblieben.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts bewies Otto Lilienthal die Machbarkeit des Flugs mit einem Flugzeug, das schwerer als Luft ist.




Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

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