Ich steh′ auf hohem Balkone am Thurm,

Umstrichen vom schreienden Staare,

Und laß′ gleich einer Mänade den Sturm

Mir wühlen im flatternden Haare;

O wilder Geselle, o toller Fant,

Ich möchte dich kräftig umschlingen,

Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand

Auf Tod und Leben dann ringen!

 

Und drunten seh′ ich am Strand, so frisch

Wie spielende Doggen, die Wellen

Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,

Und glänzende Flocken schnellen.

O, springen möcht′ ich hinein alsbald,

Recht in die tobende Meute,

Und jagen durch den korallenen Wald

Das Wallroß, die lustige Beute!

 

Und drüben seh′ ich ein Wimpel wehn

So keck wie eine Standarte,

Seh auf und nieder den Kiel sich drehn

Von meiner luftigen Warte;

O, sitzen möcht′ ich im kämpfenden Schiff,

Das Steuerruder ergreifen,

Und zischend über das brandende Riff

Wie eine Seemöve streifen.

 

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,

Ein Stück nur von einem Soldaten,

Wär ich ein Mann doch mindestens nur,

So würde der Himmel mir rathen;

Nun muß ich sitzen so fein und klar,

Gleich einem artigen Kinde,

Und darf nur heimlich lösen mein Haar,

Und lassen es flattern im Winde!


Das Gedicht "Am Thurme" stammt von   (1797 - 1848).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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