In der Schlucht beim Abenddämmern

Schreit′ ich durch den düstern Wald.

Stille ringsum in den Zweigen;

Nur daß leise durch das Schweigen

Von den fernen Eisenhämmern

An mein Ohr ein Pochen schallt.

 

Und auf viel verschlungnen Wegen

Des Gedankens irrt mein Geist,

Sinnt dem Rätsel nach, dem alten,

Welcher Macht geheimes Walten

Finstern Zielen uns entgegen

Durch Geburt und Sterben reißt.

 

O der Mensch mit seinem Wollen,

Wie er ringt und wie er strebt!

Seine Wünsche unermessen;

Dann zu ewigem Vergessen

Ruht er unter kalten Schollen,

Gleich als hätt′ er nie gelebt!

 

Und die Seele fühl′ ich schwanken

Unter schwerer Zweifel Wucht;

Wieder aus der Felsenenge

Winden sich ans Licht die Gänge;

Doch, o Abgrund der Gedanken,

Führt ein Pfad aus deiner Schlucht?


Das Gedicht "Abendgang" stammt von   (1815 - 1894).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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