Dir schuf Natur ein Frauenangesicht
Mit eigner Hand, Herr-Herrin meiner Seele,
Ein holdes Frauenherz, doch gab sie nicht
Den flücht′gen Sinn dir, der des Weibes Fehle.

Dein Auge strahlt wie ihr′s, doch treu und echter,
Vergoldend jedes Ding, das sich ihm zeigt;
Ein Mann bist du, die Krone der Geschlechter,
Dem Mannesblick und Frauenherz sich neigt.

Zu einem Weib warst du zuerst bestimmt,
Bis schaffende Natur, in dich verliebt,
Dir das verlieh, was all mein Glück mir nimmt,

Die Gabe, die mir keinen Vorteil gibt.
Da sie dich formte für der Frauen Minne,
Weih mir dein Herz und ihnen deine Sinne.

Übersetzt von Max Joseph Wolff

 

Von eignen Händen der Natur geschminkt,
Ein Fraungesicht hast du Mann-Mädchen meiner Liebe!
Ein mildes Frauenherz, doch unbedingt
Durch falscher Frauen wechselvolle Triebe:

Ein Auge heller, minder falsch im Rollen,
Vergoldend wie es blickt. Von Farb′ ein Mann,
Dem Huldigung der andern Farben zollen;
Der Männeraugen Dieb, der Frauenseelen Bann.

Auch warest du zum Weib geboren, machte
Natur nicht, in der Arbeit liebeblind,
Den Zusatz, der mein Hoffen um dich brachte,

Dir Gaben leihend, die mir nutzlos sind.
Doch da sie Frauengunst mit dir gesucht,
Gib deine Liebe mir, gib ihnen Liebesfrucht.

Übersetzt von Gottlob Regis

 

Ein Fraungesicht hat dir Natur geschenkt,
du Herr zugleich und Herrin meiner Seele;
ein Frauenherz, das doch nicht treulos denkt,
wie es dem Wechsel stets nur sich vermähle;

ein lockend Aug und dennoch nicht belügend,
verklärend jedes Ding, das es bestrahlt,
und über beiden Wesens Reiz verfügend,
ein Doppelbild, von der Natur gemalt.

Als sie zum Weib dich schuf und selbst entbrannte
für dich, ergänzte sie dich gleich zum Mann:
was meiner Hoffnung den Besitz entwandte

durch Überfluß, den ich nicht brauchen kann.
So ausgestattet, Frauen zu erlaben –
laß mir die Liebe, wenn die Lust sie haben!

Übersetzt von Karl Kraus


Der Text des Gedichts "Sonett 20" stammt von (* 1564-00-00, † 1616-05-03).




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