Wollt ihr denn immer nur seufzen und klagen

Daß am vergänglichsten eben das Schöne?

Laß wie im Lenz bis zum Herbste sie schlagen –

Zauberlos würden der Nachtigal Töne.

Heute noch hörst du mich, singt sie, drum lausche,

Bald ist die Sangeszeit wieder vergangen!

Inniges Fühlen im süßesten Rausche

Schenkt uns allein dies heimliche Bangen.

 

Sieh, wir empfingen im sterblichen Loose

Wonnegewürz mit der Gabe, zu trauern!

Schöner und duftiger macht uns die Rose

Eben der Wahnwunsch: möchte sie dauern!

Süßer noch, wenn du mit ruhigem Muthe

Denkst an den Winter, schmeckt dir die Frucht;

Geizend erfüllen die letzte Minute

Lehr′ uns der Freuden eilige Flucht.

 

Weil du noch lieben kannst, Sterblicher, liebe!

Niemals erneuert sich was du versäumest,

Und an dir selbst nur wirst du zum Diebe

Wenn du von Liebesewigkeit träumest.

Besser, die Lust wird zu Grabe getragen

Ehe dein Herz an die Kost sich gewöhnt.

Süßeste Freuden werden zu Plagen

Wo sie kein Ende mit Ewigkeit krönt.

 

Doch was im höchsten Genuß wir verloren,

Ewige Jugend hat es gewonnen;

Schöner noch steigt es wiedergeboren

Aus der Erinnerung magischem Bronnen,

Aehnlich wie weiland die Göttin entstiegen,

Liebegebietend, dem wogenden Schaum;

Denn der Vergangenheit Schleier umschmiegen

Alles was störte den seeligen Traum.

 

Ueber dem Abgrund mit schwankendem Kiele

Tanzen des Lebens gebrechliche Boote –

Zweifle nicht, daß es uns minder gefiele

Wenn es der Tod nicht stündlich bedrohte.

Eben im Kampf mit dem tobenden Meere

Sollst du die Flagge des Glückes erhöhn.

Glaube mir, wenn es kein Trauerspiel wäre,

Wäre dies Spiel des Lebens nicht schön.

 

Breite entgegen die Schmetterlingsschwingen,

Psyche, des Daseins freundlichem Glanze.

Bis du, ermüdet nach muthigem Ringen,

Reulos zurücksinkst in′s nachtende Ganze

Lerne vereinigen Trauern und Scherzen,

Wehmuth empfindend in jauchzender Brust,

Wehmuth, die heimliche Freude der Schmerzen,

Wehmuth, den heimlichen Schmerz in der Lust.


Das Gedicht "Zuruf" stammt von   (1819 - 1904).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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