Sie.

 

Horch! es läutet, gehst du heute

Nicht zur Messe, willst du immer

Bei mir bleiben? Traun es wäre

Hohe Zeit, die Mutter mahnte,

Noch hab′ ich mich nicht gewaschen,

Meine Haare nicht gerichtet,

Meine Kleider für die Kirche

Nicht gerüstet hab′ ich sie.

 

Ich.

 

Nun so laß mich gehn; ich fühle

Kopfweh heut; die Luft ist heiter,

Und ich bin in übler Laune,

Besser ist′s, daß ich im Freien

Mich erfrische, mich erquicke,

Drum zur Vigne will ich gehen,

Reife Feigen mir zu suchen,

In die Messe geh′ ich nicht.

 

Sie.

 

Höre, Lieber, laß mich′s offen

Dir gestehn, daß mir im Herzen

Sich ein großer Zweifel reget:

Bist du auch ein Christ? - du lächelst -

Denk′, die Leut′ im Dorfe sagen′s,

Daß du einmal in der Messe

Nicht gekniet, dich nicht bekreuzet,

Als die heil′ge Glocke klang.

 

Ich.

 

Wohl, mein Kind, gib dich zufrieden,

Glaub′, ich bin ein Christ; ich habe

Wohl das Glöcklein nicht gehöret,

Denn ich bin oft in Gedanken;

Und so sollst du′s heut denn sehen,

Wie ich meine Andacht thue,

Denn zur Messe will ich gehen,

Wenn nur du gewiß nicht fehlst.


Das Gedicht "Lieder der Nazarena - Fünftes Lied" stammt von   (1804 - 1830).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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