Dem Fischer, der das Netz den falschen Wellen

So manches Jahr geduldig anvertrauet,

Mag ich mich gern am Strande zugesellen.

 

Fast ist er nackt: vom heißen Sonnenscheine

Gedunkelt und verbrannt ist Kopf und Nacken,

Und Brust und Schulter, sind auch Arm′ und Beine.

 

Sein einz′ger Schmuck ist eine Wollenmütze,

Beglückt ist er vielleicht in eines Kahnes,

In einer Hütte sparsamem Besitze.

 

Ein Mädchen ist die Sehnsucht seiner Jugend,

Und ihm getraut, so bringt′s ihm frische Kinder,

Und übt bewußtlos eine strenge Tugend.

 

Die Kleinen lernen bald die Kunst der Alten.

Das Netz zu ziehn, das Ruder keck zu führen,

Den Dienst des Boots ausdauernd zu verwalten.

 

Oft sah ich′s, daß mit liebevollem Bangen

Am Strand sie Mutter oder Weib erwartet,

Und offnen Arms die Kehrenden empfangen.

 

Friedfertig, nur im Kampf oft mit dem Meere,

Betreiben sie das Urgeschäft der Väter,

Ein volles Netz giebt ihnen Ruhm und Ehre.

 

Welch Bild der Menschheit! Mit vermeßnem Willen

Wagt ins Unendliche hinein sich Jeder,

Das tägliche Bedürfniß nur zu stillen.


Das Gedicht "Lieder aus Capri (8)" stammt von   (1804 - 1830).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte