Dem Horizonte nähert sich die Sonne.

Versinke sie im Meer, in goldnen Bergen,

Ich fühle stets die reinste Herzenswonne.

 

Doch welche Lust, wie alle Lüfte schweigen,

Und die Natur zur Ruhe sich bereitet,

Den jähen Pfad zum Fels hinanzusteigen,

 

Wenn schon im West, gleich einem Purpurquelle,

Die Sonne glühet, und in lautern Flammen

Auf Meer und Land verströmet Glanz und Helle.

 

Dann scheint des Himmels Schooß sich zu erschließen,

Und auf der Inseln schimmerndes Gebirge

Ein goldner Regen sanft herabzufließen;

 

Dann scheint, geblendet von des Lichtes Sprühen,

Enaria dem Bad der warmen Fluthen

Mit reinem Schwanenleibe zu entglühen;

 

Sie scheint verschämt, in kindischen Gefühlen,

Den vollen Busen überm Meer, mit Rosen

Und mit Violen anmuthsvoll zu spielen.

 

Ein Augenblick, und jene göttergleichen,

Von Licht beträuften Wangen, Berg und Insel,

Und Meer und Himmel siehst du schon erbleichen.

 

So gleich dem holden Wunderspiel der Sonne

Verharrt nur kurz in ungetrübter Schöne

Und schwindet bald des Lebens höchste Wonne.


Das Gedicht "Lieder aus Capri (1)" stammt von   (1804 - 1830).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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