Alles dacht′ ich mir schöner, eh′ ich′s mit Augen gesehen,

Und erstaunte, wie klein alles in Wirklichkeit ist.

Wie hat nur mich St. Peter getäuscht, nach der Reisebeschreibung

Sollt′ er noch einmal so hoch, einmal so prächtig noch sein.

Reden sie vom Capitol, ich erwartet′ es hoch in den Lüften,

Und noch einmal so schön dacht′ ich′s Museum mir selbst;

Und der tarpejische Fels! Doch wenigstens auch wie der Montblanc

Glaubt′ ich ihn hoch, und er ist doch wie ein Hügelchen nur.

Auch das Colosseum, ich dacht′ es noch einmal so furchtbar,

Britten kämen wohl hier nicht ohne Extrapost durch.

Wie ist der Corso so eng! Vierhundert Kirchen und dennoch

Fast kein Thürmchen, und welch Flüßchen der Tiber nur ist!

Raffaels Stanzen, da hofft′ ich doch auch hellschimmernde Farben,

Aber welch häßlicher Wust, schmutziges Alter und Staub!

Dann das jüngste Gericht ist ein Fleischmarkt, und die Sistina

Hätt′ ich mir hundertmal schöner und größer gedacht.

Selbst die Weiber gefallen mir nicht und all′ das Gerede,

Falsch ist′s, ich hab′ sie mir traun hundertmal schöner gedacht.

Auch was sie fabeln zu Hause von italiänischem Himmel,

Nein! Ich habe davon nicht auch ein Bißchen gemerkt.

Uebrigens kann ich zu Haus mich rühmen: ich hab′ es gesehen,

Und natürlich, dann ist′s - schöner noch als ich′s gedacht.


Das Gedicht "Getäuschte Erwartung" stammt von   (1804 - 1830).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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