Nimfe, gieb mir selbst den Mund,

So wird mir dein Hertze kundt,

Reich mir deiner Armen Band,

Der gewünschten Liebe Pfand!

 

Denn, so lange du noch nicht

Mir gehorchen wirst, mein Liecht,

Wird dein Lieben nur ein Schein

Vnd vor nichts zu achten seyn.

 

Trewe Lieb′ ist jederzeit

Zu gehorsamen bereit,

Hat Ihr Thun gerichtet hinn

Auff des Liebsten Hertz vnd Sinn.

 

Glut bricht von sich selbst hervor

Vnd stösst jhre Flamm empor,

Wo sich Rauch vnd Dampff nur findt,

Muß vergehn durch Lufft vnd Wind.

 

Schämst du aber dich vor mir,

So gedencke, meine Zier,

Daß ich das bin, was du bist,

Vnd werd′ jetzt nicht erst geküsst!

 

Wo ich mich, gleich wie du wol

Auch mit andern schämen sol,

Würde nicht die gantze Welt

In gar kurtzer Zeit gefällt?

 

Venus hat sich, wie bekannt,

Zum Adonis selbst gewandt,

Vnd mit jhm so manche Nacht

In der Liebe zugebracht.

 

Komm, der Mond am Firmament

Hat sich schon zu vns gewendt,

Komm, die Nacht kömpt auch heran

Da sich küsset was nur kan!

 

Morgen, hör ich, wilst du fort

Von vns an ein frembdes Orth,

Vnd wer weiß auff welchen Tag

Ich dich wieder sprechen mag;

 

Darumb Hertz mich ohne schew,

Daß ich deiner Inndenck sey!

Ich bitt′ einmal noch jetzund:

Nymfe, gib mir selbst den Mund!


Das Gedicht "Officiosus Amor" stammt von   (1605 - 1659).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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