Hat meines Hertzens keusche Brunst

Dann bey dem Himmel keine Gunst,

Daß ich dich, Schönste, muß verlassen?

Hie wo du stets mit Neid vnd List

Der falschen Zungen, die dich hassen,

Mein Sinnen-Trost, umbgeben bist?

 

Entschlag dich aber aller Pein

Vnd laß dein Hertz versichert seyn,

Daß ich kurtzumb nicht von dir scheide,

Mein blosser Schatten zeucht von hier,

Ich aber bleib′ in Lieb′ vnd Leide

Stets umb dich her vnd diene dir.

 

Laß nur die Mißgunst immerhin

Vergifftet aus verboßtem Sinn′

Auff dich zu stechen sich bemühen,

Es schmertzt sie, daß dein Glantz vnd Pracht,

Du edle Rose, so mus blühen

Vnd sie, die Hecken, schamroht macht.

 

Es kömpt, ob Gott wil, noch die Zeit,

Daß wir der Disteln rauhes Kleidt

Durch unsrer Liebe Brunst verbrennen,

Da man hergegen nichts an dir,

Du güldne Bluhme, wird erkennen

Als Glantz vnd unverwelckte Zier.

 

Nun, hiemit reis′ ich auff den Schluß

Des Himmels, dem ich folgen muß,

Doch wo ich mich befinden werde,

Daselbst wird auch dein Licht vnd Schein,

Dein Sinn vnd höfliches Geberde

Mein Thun, Red′ vnd Gedancken seyn.

 

Ach, wenn es kürtzlich wird geschehn,

Daß ich dich wieder werde sehn

Vnd deiner Gegenwart geniessen,

Ich werde dieses Gut, mein Liecht,

Mit nichts hie zu vertauschen wissen,

Mit keinem Kayserthum auch nicht.


Das Gedicht "Abschieds-Liedchen" stammt von   (1605 - 1659).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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