Einfältige Viole,

Du hüllest zwar dein Antliz

Vor aller Menschen Blike,

Vor deinen eignen Bliken,

In deiner Mutter Blätter,

Und wählest dir zur Wohnung

Einsidlerische Pläze.

 

Doch Zephir kömmt, und raubet

Die lieblichen Gerüche,

Die du zu unvorsichtig

Aus deinen Blümchen hauchest.

 

Wann er dann Luft und Erde

Damit erquiket siehet,

Verläßt er dich, und flieget

In eine ferne Gegend.

 

Dort ruft er andern Räubern,

Die mit undankbarn Händen

Die Blümchen selber pflüken.

 

Nichts ist vor den Begierden

Der frechen Menschen sicher.

Was hilft dich, armes Veilchen,

Die blosse dunkle Farbe,

Und dein einöder Wohnplaz,

Wann deine süssen Düfte

Dich immerhin verrathen?


Das Gedicht "Die Viole" stammt von   (1730 - 1788).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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