Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld

der Welt und ihrer Kinder,

es geht und träget in Geduld

die Sünden aller Sünder;

es geht dahin, wird matt und krank,

ergibt sich auf die Würgebank,

entsaget allen Freuden;

es nimmt auf sich Schmach, Hohn und Spott,

Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod,

und spricht: Ich wills gern leiden.

 

Das Lämmlein ist der große Freund

und Heiland meiner Seelen;

den, den hat Gott zum Sündenfeind

und Sühner wollen wählen.

"Geh hin, mein Kind, und nimm dich an

der Kinder, die von Anfang an

verdient des Zornes Ruten;

die Straf ist schwer, der Zorn ist groß,

du kannst und sollst sie machen los

durch Sterben und durch Bluten."

 

"Ja, Vater, ja, von Herzensgrund,

leg auf, ich will dies tragen;

mein Wollen liegt an deinem Mund,

mein Wirken ist dein Sagen."

O Wunderlieb, o Liebesmacht!

Du kannst, was nie ein Mensch gedacht,

Gott seinen Sohn abringen.

O Liebe, Liebe! Du bist stark,

du strecktest den in Grab und Sarg,

vor dem die Felsen springen.

 

Mein Lebetage will ich dich

aus meinem Sinn nicht lassen,

dich will ich stets, gleich wie du mich,

mit Liebesarmen fassen;

du sollst sein meines Herzens Licht,

und wenn mein Herz in Stücke bricht,

sollst du mein Herze bleiben;

ich will mich dir, mein höchster Ruhm,

hiermit zu deinem Eigentum

beständiglich verschreiben.

 

Ich will von deiner Lieblichkeit

bei Nacht und Tage singen,

mich selbst auch dir zu aller Zeit

zum Freudenopfer bringen.

Mein Bach des Lebens soll sich dir

und deinem Namen für und für

in Dankbarkeit ergießen;

und was du mir zu gut getan,

das will ich stets, so tief ich kann,

in mein Gedächtnis schließen.

 

Wann endlich ich soll treten ein

in deines Reiches Freuden,

so soll dein Blut mein Purpur sein,

ich will mich darin kleiden;

es soll sein meines Hauptes Kron,

in welcher ich will vor den Thron

des höchsten Vaters gehen

und dir, dem er mich anvertraut

als eine wohlgeschmückte Braut

an deiner Seite stehen.


Das Gedicht "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld" stammt von   (1607 - 1676).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Empfehlungen

Weitere gute Gedichte des Autors:



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





Zur Startseite: Gedichte