Wach auff, mein hort! es leucht dort
her von orient der liechte tag.
blick durch die braw, vernim den glanz,
wie gar vein blaw des himels kranz
sich mengt durch graw von rechter schanz.
ich fürcht ain kurzlich tagen.

»Ich klag das mort, des ich nicht ger,
man hört die voglin in dem hag
mit hellem hal erklingen schon.
O nachtigal, dein spëher don
mir pringet qual, des ich nicht lon.
unweiplich muess ich klagen.«

Mit urlob fort! deins herzen sper
mich wunt, seit ich nicht bleiben mag.
schidliche not mir trauren pringt,
dein mündlin rot mich senlich zwingt,
der bitter tod mich minder dringt.
mich schaiden macht verzagen.

Übersetzung

Wach auf, mein Schatz! Es leuchtet dort
der helle Tag vom Orient entgegen.
Schau durch die Lider, sieh den Glanz,
wie gar zart blau die Himmelskrone
sich auf rechte Weise durch das Grau mengt.
Ich befürchte einen baldigen Tagesanbruch.

»Ich beklage das Unheil, das ich nicht möchte,
man hört die Vögel im Gebüsch
schon mit hellem Klang erklingen.
O Nachtigall, dein verkündender Ton
bringt mir Qual, die ich nicht belohne.
Einer Frau unwürdig muss ich klagen.«

Mit deinem Segen gehen! Der Speer deines Herzens
verwundet mich, weil ich nicht bleiben darf.
Der Schmerz des Scheidens bringt mir Traurigkeit,
dein rotes Mündlein beklemmt mich sehnsuchtsvoll,
der bittere Tod bedrückt mich weniger.
Das Scheiden lässt mich verzagen.


Das Gedicht "Wach auff, mein hort!" stammt von   (1376 - 1445).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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