O kehrtet einmal ihr aus den Palästen

Im dunstigen Dunkel enger Gassen ein!

O kehrtet einmal ihr von euren Festen

Ins vierte Stockwerk, wo beim Öllichtschein

Blutarme Näherinnen um den Bissen

Des lieben Brots zehn Stunden nähen müssen!

 

Kröcht′ einmal ihr mit eurem Schmuck behangen

Zur Kellerwohnung, wo der Schuster flickt,

Sein armes Weib mit hungerbleichen Wangen

Den Säugling an die welken Brüste drückt,

Von einer Mark oft sieben Menschen leben,

Die doch dem Kaiser noch den Groschen geben!

 

Es würd′ euch grausen, und in eure Stirnen

Käm′ Flammen gleich das Krösusblut gerollt,

Und durch den Puder eurer feilen Dirnen

Bräch′ sich die Schamglut um das Sündengold,

Und wie, wenn Eise sich mit Feuern mischen,

Würd′ euch das Herz in frost′gen Schaudern zischen.

 

Ihr müsstet zittern, dächtet ihr im Düster

Des Vorstadtelends an der Schlösser Pracht,

An Baldachin und Purpurbett und Lüster,

An Wein und Sillery und Wonnenacht

Und tausendfach müsst′ euch von allen Mauern

Vernichtung flammengrell entgegenschauern...


Das Gedicht "An die oberen Zehntausend" stammt von   (1861 - 1928).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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