Wenn wir an den Gräbern stehn

Der Geliebten, der Gespielen,

Fühlen wir ein mildes Wehn

Unsre heiße Wange kühlen,

Und ein Licht, ein heller Strahl,

Leuchtet in dem Schauerthal.

 

Todeswehen, Grabesluft,

Erde, sind es deine Bande,

Oder kamst du Lebensluft,

Von dem fernen, sel′gen Strande,

Winkest du von drüben her,

Holdes Licht uns über′s Meer?

 

Sehnen kann von Hoffen nicht,

Himmel nicht von Erde lassen,

Was die Sehnsucht sich verspricht,

Mag die Hoffnung fröhlich fassen;

Himmel neigt sich gern herab,

Zu den Thränen, zu dem Grab.

 

Winter flieht und Frühling naht;

Scheuch′ den Traum, du mußt erwachen,

Blüten schmücken schon den Pfad,

Und am Ufer harrt ein Nachen;

Steig′ hinein mit gläub′gem Sinn,

Schau′ nach jenem Ufer hin.

 

Eines Lebens Athem weht

Durch der Schöpfung weite Räume,

Eines Gottes Ruf ergeht

An die Menschen, Sterne, Bäume,

Halte dran in Lieb′ und Treu,

Einst wird alles jung und neu.

 

Der die Lieb′ in unsrer Brust

Und die Flammen all entzündet,

Hat der holden, regen Lust

Auch den ew′gen Trost verkündet:

Kling′, o süße Botschaft, fort,

Leben ist so hier als dort.

 

Pflanzt es auf die Gräber hin

Unsrer Hoffnung Siegeszeichen,

Daß der Lebens-Königin

Alle Todesschauer weichen;

Ueber Schmerz, und Grab und Zeit

Heb′ uns hoch, Unsterblichkeit.


Das Gedicht "Sehnen und Hoffen" stammt von (* 1783-12-11, † 1817-12-11).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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