Hast du den Mai gesehen

In seinem hellen Strahl?

Da steht er auf den Höhen

Und schaut ins grüne Thal.

 

Er zog in leichten Träumen

Um deine Lagerstatt,

Nun streut er von den Bäumen

Dir Blüten auf den Pfad.

 

Nun schleicht er durch den Garten

Zu deiner Kammerthür,

Noch eh′ wir ihn erwarten

Schaut er durch′s Fenster hier.

 

Und ruft mit linden Worten,

Mit holdem Wink und Gruß,

Komm aus den dunkeln Pforten,

O komm herab zum Fluß,

 

Und sieh die Lerche steigen

Den hohen, fernen Schall;

Hör′ aus den dichten Zweigen

Den Schmerz der Nachtigall.

 

Das sind die alten Klänge,

Das ist das liebe Leid,

Die zärtlichen Gesänge,

Die jedes Jahr erneut.

 

Geheime Wünsche brechen

Den Blüten gleich hervor,

Und hundert Stimmen sprechen,

Komm Liebchen, komm ans Thor!


Das Gedicht "Am ersten Mai 1816" stammt von (* 1783-12-11, † 1817-12-11).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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