Wenn der ein Dichter ist,

Dem, wenn der Mai erblühet,

Die Seele in der Brust

In Sehnsucht fast verglühet,

Der seine holde Pracht,

Den Jubel in den Hainen

Nur leis erwiedern kann

Mit schmerzlich süßem Weinen;

 

Wenn der ein Dichter ist,

Den Ehrfurcht tief durchbebet,

Wo schwindelnd groß vor ihm

Sich die Natur erhebet;

Dem fast der Athem stockt

Und wankt des Fußes Stärke,

Vor eines Genius

Erhab′nem Schöpferwerke;

 

Wenn der ein Dichter ist,

Dess′ Herz in Flammen lodert,

Wo Unterdrückung herrscht

Und Unbill Rechte fodert,

Dem nach der Feder zuckt

Die Hand, wie nach dem Schwerte,

Daß das Gemeine tief

Von ihm gezüchtigt werde;

 

Wenn der ein Dichter ist,

Den jede Menschenklage,

Den jedes fremde Leid

Trifft wie mit eignem Schlage,

Der keine Thräne sieht,

Die er nicht mit muß weinen,

Und dem der eigne Schmerz

Stets doppelt wird erscheinen;

 

Wenn der ein Dichter ist,

Dem heiß die Wange brennet,

Wenn man des Vaterlands

Geliebten Namen nennet,

Dem das entzückte Herz

In Wonne wollt′ vergehen,

Wenn einmal könnte noch

Er frei und groß es sehen!

 

Wenn der ein Dichter ist -

O, Gott - nicht kann ich spüren,

Ob ich in edler Form

Weiß fremdes Herz zu rühren,

Ob Geister mächt′gen Schwungs

Mein Geist empor kann raffen -

Doch meine Seele hast

Zum Dichter du geschaffen!


Das Gedicht "Wenn der ein Dichter ist" stammt von   (1821 - 1877).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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