Du gold′ne Zeit, du Traumbild der Poeten!

Wann leuchten wieder deine Morgenröthen?

Jetzt ist des Menschen Eigenstes geknechtet;

Wer selbst sich lebt, verspottet und geächtet.

Ob allem Hohen, Ed′len, höhnend prangt

Die Heuchelei, gleich einer frechen Dirne,

Die keck nach Scharlach und nach Purpur langt,

Demüth′ge Schaam auf Schläfenpaar und Stirne.

 

O jetzt zu leben, jetzt!

Wo dem edel′n Gemüth

Nur ein Heil noch erblüht:

An des eig′nen Gedankens Geschoß,

An der eigenen Seele Gluten,

Wie das ed′le arabische Roß

An geöffneten Adern, verbluten.

 

Natur, so heilig in dem stillen Walten!

Natur, so keusch im offensten Entfalten!

Frei schmückst du dich mit deinen Abendröthen,

Des neuen Tages flammenden Propheten.

Nach eigenem Gesetze still und groß,

Selbstherrschend wandelst du die Bahn des Lebens.

Nach strebt dir meine Seele fessellos;

Nach deinem Lebensquell schmacht′ ich vergebens.

 

O jetzt zu leben, jetzt!

Wo dem edel′n Gemüth

Nur ein Heil noch erblüht:

An des eig′nen Gedankens Geschoß,

An der eigenen Seele Gluten,

Wie das ed′le arabische Roß

An geöffneten Adern, verbluten.

 

Du träumerischer Dänenprinz, erkranken

Muß ich, gleich Dir, an bleichen Nachtgedanken!

Ein Kerker ist die Welt; ich bin gefangen!

Gefesselt ist mein glühendes Verlangen!

In Fesseln seufzt, wie ich, mein ganz′ Geschlecht!

Der Wahn der Menge ist der Kerkermeister,

Der blinden Satzung treuergebner Knecht,

Der nie versöhnte Feind der freien Geister!

 

O jetzt zu leben, jetzt!

Wo dem edel′n Gemüth

Nur ein Heil noch erblüht:

An des eig′nen Gedankens Geschoß,

An der eigenen Seele Gluten,

Wie das ed′le arabische Roß

An geöffneten Adern, verbluten!


Das Gedicht "Letzter Trost" stammt von   (1814 - 1871).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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