Eure Freude ist euer Leid ohne Maske.

Und derselbe Brunnen, aus dem euer Lachen aufsteigt,

war oft von euren Tränen erfüllt.

Und wie könnte es anders sein?

je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt,

desto mehr Freude könnt ihr erfassen.

Ist nicht der Becher, der euren Wein enthält,

dasselbe Gefäß, das im Ofen des Töpfers gebrannt wurde?

Und ist nicht die Laute, die euren Geist besänftigt,

dasselbe Holz, das mit Messern ausgehöhlt wurde?

Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in eure Herzen,

und ihr werdet finden, daß nur das,

was euch Leid bereitet hat, euch auch Freude gibt.

Wenn ihr traurig seid, schaut wieder in eure Herzen,

und ihr werdet sehen, daß die Wahrheit um das weint,

was euch Vergnügen bereitet hat.

Einige von euch sagen:"Freude ist größer als Leid".

Und andere sagen:"Nein, Leid ist größer".

Aber ich sage euch, sie sind untrennbar.

Sie kommen zusammen, und wenn einer alleine mit euch am Tisch sitzt,

denkt daran, daß der andere auf eurem Bett schläft.

Wahrhaftig, wie die Schalen einer Waage

hängt ihr zwischen eurem Leid und eurer Freude.

Nur wenn ihr leer seid, steht ihr still und im Gleichgewicht.

Wenn der Schatzhalter euch hochhebt, um sein Gold und sein Silber zu wiegen,

muß entweder eure Freude oder euer Leid steigen oder fallen.


Das Gedicht "Von der Freude und dem Leid" stammt von (* 1883-01-06, † 1931-04-10).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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