Nach einer persischen Legende

 

Dort in Nazareth am letzten Hause,

Wo das Kleeblatt hoher Palmen raget,

Wo vom dunkelblauen Sommerhimmel

An der blendendweißen Gartenmauer

Glühend heiß die Morgensonne brennet,

Lag ein toter Hund im Staub der Straße,

Sei’s, dass er im Hunger dort verdorben,

Sei’s, dass er vor Alter da verendet.

 

Und die Leute, so des Weges kommen,

Bleiben bei dem Tiere müßig stehen,

Spotten sein: -- zum Geier, ruft der Eine,

Mit dem Aase, das die Luft verpestet!

Und ein Andrer murrt, warum der Nachbar

Nicht den Gräuel aus dem Wege schaffe?

Und ein Dritter zählt die dürren Rippen,

Höhnt die steifen ausgereckten Beine; --

Mit den Füßen trat man ihm im Leben,

Lässt kein gutes Haar ihm noch im Tode. –

 

Sieh, da kommt von ungefähr die Straße

Jesus her, der Sohn des Zimmermanns,

Noch nicht dreißig Jahre zählt der Jüngling,

Edlen Ganges kommt er, sanfter Mienen,

Himmlische Gedanken in der Seele,

Tritt bescheiden in den Kreis der Spötter,

Schaut aufs arme Tier mit mildem Blicke:

„Schön sind seine Zähne, weiß wie Perlen,“

Spricht er sanft und wendet sich zu gehen.

 

Also sieht im hässlichsten Geschöpfe

Noch ein liebend Aug‘ des Schöpfers Spuren;

Der den Schächer sterbend wird begnaden,

Gönnet auch ein Lob dem toten Hunde.


Das Gedicht "Alle Kreatur Gottes ist gut" stammt von (* 1815-01-30, † 1890-01-14).





Ein Gedicht ist eine besondere sprachliche Ausdrucksform, das aus Versen (und Strophen) besteht, die sich i.d.R. reimen.
Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern verdichten Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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