Über Tal und Fluß getragen

Ziehet rein der Sonne Wagen.

Ach, sie regt in ihrem Lauf,

So wie deine, meine Schmerzen

Tief im Herzen,

Immer morgens wieder auf.

 

Kaum will mir die Nacht noch frommen;

Denn die Träume selber kommen

Nun in trauriger Gestalt.

Und ich fühle dieser Schmerzen,

Still im Herzen,

Heimlich bildende Gewalt.

 

Schon seit manchen schönen Jahren

Seh′ ich unten Schiffe fahren;

Jedes kommt an seinen Ort.

Aber ach, die steten Schmerzen,

Fest im Herzen,

Schwimmen nicht im Strome fort.

 

Schön in Kleidern muß ich kommen;

Aus dem Schrank sind sie genommen,

Weil es heute Festtag ist;

Niemand ahnet, daß von Schmerzen

Herz im Herzen

Grimmig mir zerrissen ist.

 

Heimlich muß ich immer weinen,

Aber freundlich kann ich scheinen

Und sogar gesund und rot;

Wären tödlich diese Schmerzen

Meinem Herzen,

Ach, schon lange wär ich tot.


Das Gedicht "An Mignon" stammt von   (1749 - 1832).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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