Einst malet Angelo, das Wunder seiner Zeiten,

Das Weltgericht, des Himmels off´ne Freuden

Und auch der Hölle off´ne Qual,

Und die Hölle setzt er nebst Prälaten

Und vielen bischöflichen Gnaden

Auch einen großen Kardinal.

Und ungelobt und unbezahlt

Ist das Porträt daran so trefflich ausgemalt,

Daß jeder, der ihn sah und kannte,

Ihn glich bei seinem Namen nannte.

Der Kardinal erfährts. O wüßt´er´s niemals nicht!

Wie wird´s dem armen Künstler gehen?

Der Kardinal will das Gemälde sehen.

Er kommt und sieht und spricht:

"Wie sehr bewund´re ich die wahre Meisterhand!

Da mich doch Angelo von weitem nur gekannt.

Wie groß ist nicht des Künstlers Gabe,

Er trifft mich, da ich ihm doch nie gesessen habe."

Bewundernd sieht er es noch einmal :

Dankt ihm und geht. Der große Mann!

 

O welche Fabel aus der goldnen Zeit,

Ein Priester ist beleidigt und verzeiht.


Das Gedicht "Michelangelo" stammt von   (1741 - 1791).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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