Hast Du, hast Du nicht gesehn,
Wie sich Alles drängt zum Leben?
Was nicht Baum kann werden,
Wird doch Blatt;
Was nicht Frucht kann werden,
Wird doch Keim.

Hast Du, hast Du nicht gesehn,
Wie von Leben Alles voll ist?
Schon im Blatt des Baumes
Hoher Bau,
Schon im Keim der Früchte
Volle Kraft.

Reiche Fülle der Natur,
Labyrinth zu neuem Leben,
Kürzend tausend Wege
Tausendfach,
Ueberall belebend,
Allbelebt.

Lebend Weben der Natur,
Ew′ger Frühling junger Keime,
Wenn sie mir verwelken,
Starben sie?
Sind sie, mir verschwunden,
Nirgend mehr?

Nein, Ihr blühet, wo Ihr seid,
Hingelangt auf kurzem Wege,
Ihr, der großen Mutter
Lieblinge;
Ihre zartsten Sprossen
Welken früh.

Selig, selig, wo Ihr seid,
In des Ew′gen Paradiese,
Hier am Lebensbaume
Blüthen nur,
Dort am Lebensbaume
Früchte schon. Mausoleum der Natur,
Wo der Tod zum Leben fördert.
Dieser Keim ward Pflanze,
Als er starb,
Jene Menschenpflanze
Genius.

Selig, selig, der ich bin
In der Welt voll Leben Gottes!
Meine Adern wallen
Seinen Strom;
Meine Seele trinket
Gottes Licht.

Empyreum der Natur,
Wo einst Alles sich belebet!
Alle Kräfte, Gottes
Feuerstrahl,
Alle Seelen, Gottes
Lebenslicht.


Das Gedicht "Die Natur" stammt von   (1744 - 1803).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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