Meine Nerven im Körper stellen sich auf wie Stachelfelder,

Blühende Klettenfelder und Knotensträucher.

Mein Rückenmark singt eine rote Messe von knäbischen Fisteltönen.

Im Rohr meines Rückenmarks kollern Bergstürze und hopsende Steine.

Mein Kopf neigt sich vornüber blutgefüllt.

Spärliches Haar auf der Schädeldecke reckt sich, grünes Gewürm.

 

Wände schief, Häuser schief.

Stechfliegenschwärme sausen und funkeln durchs Zimmer.

Wände haben die Blattern bekommen und bröckeln ab.

Ärzte mit hohen Kappen gehn um und verkleben die Krankheit mit Pflastern.

Acht Ellen hoch steht an der Türe das Pestphantom mit der Klapper.

Ich hole zum Schlag aus. Hilfe! Es weicht nicht. Eine gelbe Wolke.

Zeter und Mordio. Irrsinn. Irrsinn!

 

Fliegende Scharlachstädte. Grüne Oasen. Leuchtfäden. Schwarz ratternde Sonnen.

Der Boden wankt. Eine grüne Decke stürzt ein.

»Da ist er!« Sie knebeln mich, Negerfratzen, das Knie auf meinem Bauchfell.

Menschenkörper, knapp über dem Boden, flüchten und schnellen

Nackt und energisch mit zuckender Schlangenbewegung die Korridore entlang.

Ein Zischen von hunderttausend Dampfsirenen schreit aus den Hafenstädten.

Kerle mit Bambusstangen über- und durcheinander auf Plätzen und Türmen.

Gerenne. Gestampfe. Luft eitert. Licht zerplatzt. Fixsterne, in Kasernen verirrt.

 

Und immer die Polterstöße von unten, wie aus dem Höllenkessel.

Und immer das zinnobergrüne, violettgelbe Zickzackgetöse geilsüchtiger Linien.

Meine Hände im Aufruhr haben sich an eine Säule des Tempels geklammert.

Jemand hohnschreit: Obszönität! Andere springen aus Fensterfronten.

Ein Krach zerreißt eine ganze Stadt. Die Buddhapriester auf Lotosstühlen,

Links oben, dickbäuchig und aufgeschwollen, Großväter des Stumpfsinns,

Lächeln und fächeln und schwenken den Bauch hin und her in gewitzigten Händen

Und platzen vor faltenreißender Schadenfreude.


Das Gedicht "Versuchung des Heiligen Antonius" stammt von   (1886 - 1927).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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