Vor einem hellen Marienbild

Spielte ein Bettler die Geige.

Die Vögel sangen im Herbstgefild,

Der Tag ging schon zur Neige.

 

Er spielte der Reben süße Last,

Die hingen ihm bis zur Stirne,

Er spielte den reifen Apfelast

Und der Berge schneeige Firne.

 

Er spielte der blauen Seen Licht,

Die leuchteten ihm aus den Augen.

Er sang zu der Geige und immer noch nicht

Wollte das Lied ihm taugen.

 

Da sang er den Mond und die Sterne dazu

Die konnte er alle verschenken

Und weinte des Waldes einsame Ruh,

Die tät seine Geige tränken.

 

Er spielte und sang und merkte kaum

Wie Maria sich leise bewegte

Und ihm beim Spiel ihrer Hände Schaum

Auf die wehenden Locken legte.

 

Er drehte beim Spiele sich hin und her,

Das tönende Holz unterm Kinne.

Er wollte, daß seine süße Mär

In alle vier Winde zerrinne.

 

Da stieg die Madonna vom Sockel herab

Und folgte ihm auf seine Wege.

Die gingen bergauf und gingen bergab

Durch Gestrüpp und Dornengehege.

 

Er spielte noch, als schon der Hahn gekräht

Und manche Saite zersprungen.

Auf Dreien spielt er die Trinität

Auf zweien die Engelszungen.

 

Zuletzt war es nur noch das heimliche Lied

Vom eingeborenen Sohne.

Maria deckte den Mantel auf ihn

Darin schläft er zum ewigen Lohne.


Das Gedicht "Legende" stammt von   (1886 - 1927).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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