Ich stand auf sturmbestrichnem, granitnem Bergeshaupt,

Umbrüllt vom Eisorkane, von stechendem Schnee umstaubt –

Tief unter mir, umschlungen vom Nebelgewande der Nacht,

Lag Wahn und Menschenschicksal, lag Elend und Kronenpracht . . .

 

Lag all′ das wirre Suchen: die Pilgerfahrt zum Licht –

Lag all′ das ewige Irren: ein wüstes Höllengedicht!

Lag gleißender Glanz und Entsagung – Gethsemane und Rom:

Dort wurmt sich ein armer Schwärmer – hier schwillt der Lüste Strom!

 

Lag all′ die blöde Verblendung, die vor den Götzen kniet –

Lag all′ die feige Knechtschaft, die sich im Staube müht,

Faulende Früchte zu sammeln, lohender Brünste voll –

Lag all′ die jähe Verzweiflung – der heilige Rächergroll! . .

 

Die Sclavenkette klirrte – ihr schneidender Ton verklang;

Die Schellenkappe tönte – ihr lockend Geläut versank –

Von bleichen Märtyrerlippen verwehte der letzte Schwur –

Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Creatur . .

 

Die einst mit flammenden Schwertern über den Erdball gebraust,

Die Babel-Dome gefestet mit blut′ger Despotenfaust –

Die ihre Cäsarenspuren mit ehernem Meißel gehauen,

Hier an den Felsenbrüsten zerfällt das irdische Grauen,

 

Das sie heraufbeschworen im bangenden Menschenhirn –

Ihre Kronenscepter zersplittern an der steinernen Bergesstirn –

Und ihrer Allmacht Male zerbröckeln wie mürbe Spreu:

Das Schweigen der Felsenöde verschlingt den Siegerschrei . .

 

Im Schweigen der Bergeswüste verstummt die Creatur –

Hier lebt und atmet nur Eines: die unbefleckte Natur . .

Und mich durchdrang die Wollust, an dieser Felsenbrust

Mein Sünderhaupt zu zerschmettern – all′ meine Erdenlust –

 

All′ meine Erdenduldung, von dieser Größe zerdrückt –

All′ meine Gramverschuldung, wiedergeburtsbeglückt –

Wiedergeboren und enden: zum ersten Mal ein Held!

Ausatmen in diese Wildniß meine kleine, dürftige Welt!

 

Da kroch es heran, das Entsetzen, belastete mich wie Erz –

Und hämmern spürt′ ich mein armes, todbangendes Menschenherz:

Gemach kehrt′ ich zu Thal mich, nach Menschenspur hinab –

Bei Alltagsmühen zu suchen nach meinem Alltagsgrab.


Das Gedicht "Nur ein Mensch" stammt von   (1862 - 1890).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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