Es hat die Dirne mich geküßt:

Da ward ich von süßem Taumel trunken, –

Und als ob es Frau Venus selber wär′,

Bin ich ihr an die wildwogenden Brüste gesunken . . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt, –

Ihre reifrothen Lippen auf den meinen erblühten –

Da vergaß ich die harte Noth und den Tod

Und meiner Mutter liebfrommes Behüten . . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt –

Da war′s mir, als quöllen Flammenbäche

Wie der Hölle Sengstrom durch meinen Leib, –

Als ob bacchantische Brunst mir den Schädel zerbreche! . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt –

Schluchzend lag ich vor ihr im Staube –

Da war′s mir, als stürbe der Gott in mir,

Als stürb′ an sündlose Lieb′ mir der Glaube . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt,

Da wußt′ ich, daß ich die Seele verloren –

Da wußt′ ich, daß ich dem Schacher gleich,

Meine Seele der Hölle zugeschworen! . . .

 

Es hat die Dirne mich geküßt –

Wohl trink′ ich in ihren Armen Wonne – –

In meinem Herzen aber ist Finsterniß,

Und verdorrt ist mir des Glückes Bronne! . . .

 

Verdorrt ist mir der lebendige Muth,

Für meine Brüder die Gasse zu bahnen, –

Zerbrochen hab′ ich die blitzende Wehr,

Zerbrochen die wurfzerfetzten Fahnen . . .

 

Seitdem die Dirne mich geküßt,

Kann ich nur ihr gehören zu eigen . . .

In Brünsten umklamm′re ich den weißen Leib

Und küsse sie – und der Rest ist Schweigen.


Das Gedicht "Das verlorene Paradies" stammt von   (1862 - 1890).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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