Vergessen können ja! Das ist die Kunst,

Von allen Künsten dieser Welt die erste

Von allen Künsten dieser Welt die schwerste,

Und bist du ihrer Herr, ist alles Dunst.

 

Ist alles Wurst, was jemals du gewesen,

Was du geliebt, gehaßt, getan, gefehlt, gewollt,

Ob sich dein Leben prunkvoll aufgerollt,

Ob du für andre warst bequemer Besen.

 

Ob Sklave oder Herr dann ist′s egal,

Vergessen können und nicht dran ersticken,

Hinunterschlucken, lachen, weiterkrücken,

Ins Leben weiter noch ein dutzendmal.

 

Dann tut′s ja nichts! Nun gut! Ich will′s probieren,

Den letzten Lorbeerkranz will ich entblättern,

Das letzte Amulett will ich zerschmettern,

Wie man vergißt, will ich genau studieren.

 

Und eines Tages dann ist mir′s geglückt,

Ich atme auf in grenzenloser Leere

Und breche in die Knie und bete: Kehre,

O kehre wieder, die du mich entzückt:

 

Geliebte Sünde, die ich froh beging

Geliebte Reue, die ich kühn genossen.

Gemach, mein Freund! Dein Schicksal ist beschlossen

Und um dich schürzt sich des Vergessens Ring.


Das Gedicht "Das Ende vom Liede" stammt von   (1862 - 1890).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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