Original

1.
In den tîden van den jâre
dat dî dage werden lanc
énde dat wéder weder clâre,
sô ernouwen openbâre
mérelâre heren sanc,
dî uns brengen lîve mâre.
gode mach hers weten danc
dê hevet rehte minne
sunder rouwe ende âne wanc.

2.
Ich wil vrô sîn dore here êre
dî mich hevet dat gedân
dat ich van den rouwen kêre
dê mich wîlen irde sêre.
dat is mich nû sô ergân:
ich bin rîke ende grôte hêre,
sint ich mûste al umbevân
dî mich gaf rehte minne
sunder wîc ende âne wân

3.
Dî mich drumbe willen nîden
dat mich lîves ît geschît,
dat mach ich vele sachte lîden,
mîne blîtscap nît vermîden
ende enwille drumbe nît
nâ gevolgen den unblîden,
sint dat sî mich gerne sît
dî mich dore rehte minne
lange pîne dolen lît.

Übersetzung auf Hochdeutsch

In des Jahres schönen Zeiten,
Wo die Tage wieder lang,
Wo sich klar die Lüfte breiten,
Da erneun von allen Seiten
Auch die Amseln ihren Sang,
Die uns hohe Lust bereiten.
Dann mag Gott auch sagen Dank,
Wer da rechte Minne
träget ohne Leid und Wank.

Ich bin froh durch sie, die Hehre,
Die mir hat so wohl getan,
Daß ich mich vom Leide kehre,
Das mich quälte sonst mit Schwere,
Aber nun verließ fortan,
Daß ich reich bin und voll Ehre,
Seit ich durfte sie umfahn,
Die mir gab rechte Minne
ohne Wank und ohne Wahn.

Will mich jemand drum beneiden,
Daß mir Liebes nun geschieht,
Denen folgen, die nicht weiden
Sich an Frohsinn, will ich's leiden
Und die Luft, die mich durchzieht,
Nimmermehr darum vermeiden,
Da mich die ja gerne sieht,
Um deren rechte Minne
ich mich lange schwer bemüht.

Nachgedichtet von Bruno Obermann


Das Gedicht "In den tîden van den jâre" stammt von   (1149 - 1194).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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