Original

1.
In dem aberellen
sô die bluomen springen,
sô louben die linden
und gruonen die buochen,
so singent die vogele
und habent ir willen,
wan si minne vinden
aldâ si suochen
an ir gnôz,
wan ir blîdeschaft ist grôz,
der mich nie verdrôz.
wan si swîgen al den winter stille.

2.
Dô si an dem rîse
die bluomen gesâhen
bî den blaten springen,
dô wâren si rîche
ir manicvalden wîse,
der si wîlent pflâgen.
si huben ir singen
lûte und vroelche,
nider und hô.
mîn muot stât alsô,
daz ich wil wesen vrô.
reht is, daz ich mîn gelücke prîse.

3.
Mohte ich erwerben
mîner frouwen hulde!
künde ich die gesuochen,
als ez ir gezaeme!
ich sol verderben
al von mîner schulde,
sî enwolte ruochen,
daz si von mir naeme
buoze sunder tôt
ûf gnâde und durch nôt.
wan ez got nie gebôt,
daz dehein man gerne solte sterben.

Übersetzung auf Hochdeutsch

Zur Zeit des Aprilen,
Wenn Blümlein entspringen.
Wenn Laub schmückt die Linden,
Neu grünen die Buchen,
Aufwachen die stillen
Kleinvöglein und singen,
Weil Minne sie finden
Da, wo sie zu suchen,
Beim Liebchen so traut.
Ihr Jubel schallt laut,
Der stets mich erbaut,
Weil lang er doch schwieg durch des Winters Willen.

Doch als sie am Reise
Die Blätter gesehn
Und Knospen entspringen,
Froh wurden sie alle
Auf mancherlei Weise,
Wie stets es geschehn.
Und hell klang ihr Singen
In schmetterndem Schalle
Von überallher,
Und ich auch begehr,
Zu freun mich noch mehr,
Denn recht ists, wenn ich nun mein Glück auch preise.

O könnt ich erwerben
Die Holde in Hulden,
Dürft ich sie erreichen
In Züchten und Ehren!
Schier muß ich verderben
Durch eignes Verschulden,
Sie schenkt mir kein Zeichen,
Und will mir bescheren
Nicht Buße, nicht Tod
Aus Gnade und Not,
Weil Gott nie gebot,
Daß jemals um Liebe ein Mensch soll sterben!

Nachgedichtet von Richard Zoozmann (1863-1934)


Das Gedicht "In dem aberellen" stammt von   (1149 - 1194).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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