Original

1.
»Ich bin vrô, sît uns die tage
liehtent unde werdent lanc«,
sô sprach ein vrowe al sunder clage
vrîlîch und ân al getwanc.
»Des segg ich mînen glücke danc
daz ich ein sulhe herze trage,
daz ich dur heinen boesen tranc
an mîner blîschaft nie mê verzage.

2.
Hie hete wîlent zeiner stunde
vil gedienet och ein man,
sô daz ich nu wol guotes gunde;
des ich ime nu niene gan,
Sît dat hê den muot gewan,
dat hê nu eischen begunde,
dat ich im baz entseggen kan,
danne hê'z an mir gewerben kunde.

3.
Ez kam von tumbes herzen râte,
ez sal ze tumpheit och ergân.
ich warnite in alze spâte,
daz hê hete missetân.
Wie mohte ich dat vür guot entstân,
dat hê mich dorpelîche baete,
dat hê muoste al umbevân?

Übersetzung auf Hochdeutsch

Mir ist froh, daß uns die Tage
Wieder werden licht und lang! -
So nach langer Winterplage
Sprach ein Fräulein froh und frank.
Meinem Glücke sag ich Dank,
Daß ich solchen Frohsinn trage,
Und durch keinen bösen Trank
Je am freien Mut verzage.

Mir hat einst zu guten Dingen
Also treu gedient ein Mann;
Gerne gönnt ich ihm Gelingen,
Wie ich jetzt es nicht mehr kann,
Seit er Kühnheit so gewann,
Daß er wollte das erzwingen,
Was ich besser weigere dann,
Als ihm ziemt, in mich zu dringen.

Ja er bat um arge Minne,
Die mein Herz ihm nicht beschied.
Dank ers seinem kranken Sinne,
Daß ihn Torheit schlecht beriet.
Was ihm nun an Leid geschieht
Wird er sich zum Schaden inne,
Da er sich verloren sieht,
Statt daß er sein Spiel gewinne.

Nachgedichtet von Richard Zoozmann (1863-1934)


Das Gedicht "Ich bin vrô, sît uns die tage" stammt von   (1149 - 1194).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.



Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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