Du, die das Unglück mit der Grazie Schritten,

Auf jungen Schultern, herrlich jüngsthin trug:

Wie wunderbar ist meine Brust verwirrt,

In diesem Augenblick, da ich auf Knieen,

Um dich zu segnen, vor dir niedersinke.

Ich soll dir ungetrübte Tag′ erflehn:

Dir, die der hohen Himmelssonne gleich,

In voller Pracht nur strahlt und Herrlichkeit,

Wenn sie durch finstre Wetterwolken bricht.

O du, die aus dem Kampf empörter Zeit,

Die einzge Siegerin, hervorgegangen:

Was für ein Wort, dein würdig, sag ich dir?

So zieht ein Cherub, mit gespreizten Flügeln,

Zur Nachtzeit durch die Luft, und, auf den Rücken

Geworfen, staunen ihn, von Glanz geblendet,

Der Welt betroffene Geschlechter an.

Wir alle mögen, Hoh′ und Niedere,

Von den Ruinen unsers Glücks umgeben,

Gebeugt von Schmerz, die Himmlischen verklagen,

Doch du Erhabene, du darfst es nicht!

Denn eine Glorie, in jenen Nächten,

Umglänzte deine Stirn, von der die Welt

Am lichten Tag der Freude nichts geahnt:

Wir sahn dich Anmut endlos niederregnen,

Daß du so groß als schön warst, war uns fremd!

Viel Blumen blühen in dem Schoß der Deinen

Noch deinem Gurt zum Strauß, und du bists wert,

Doch eine schönre Palm erringst du nicht!

Und würde dir, durch einen Schluß der Zeiten

Die Krone auch der Welt: die goldenste,

Die dich zur Königin der Erde macht,

Hat still die Tugend schon dir aufgedrückt.

Sei Teure, lange noch des Landes Stolz,

Durch frohe Jahre, wie, durch frohe Jahre,

Du seine Lust und sein Entzücken warst!


Das Gedicht "An die Königin Luise von Preussen (2. Fassung)" stammt von   (1777 - 1811).





Das Gedicht als solches verdichtet Sprache und veranschaulicht den Inhalt durch die Verwendung rhetorischer Mittel (z.B. Metaphern (Bildsprache), Anaphern (Wiederholungen), etc.). Diese lyrischen Texte zeichnen sich durch eine strukturierte Form (Verse, Strophen) und einen spezifischen Rhythmus (Reim) aus.

Die Wörter und Sätze vermitteln nicht nur einfach Informationen, sondern kondensieren & destillieren Stimmungen, Gefühle, Gedanken oder Beobachtungen. Es ist eine der ältesten literarischen Textformen und lebt davon, dass Sprache nicht nur bedeutet, sondern auch klingt, schwingt und wirkt.





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